Schmerz und Leid im Quadrat
27. September 2009 von GreenTara
Die meisten Anfragen an jemanden, der sich astrologisch betätigt, sind aus einer Situation heraus gestellt, in der es dem oder der Fragenden nicht sonderlich gut geht. Nicht selten geht es um die Frage: „Wie lange noch?“ oder „Warum muss ich so leiden?“
Ich meine, es lohnt sich, zwischen Schmerz und Leid zu differenzieren. Schmerz – körperlich und seelisch – lässt sich nicht vermeiden. Was vermindert werden kann, ist das Leiden am Schmerz. Gerade um das Leiden und das Ende des Leidens geht es in den Vier Edlen Wahrheiten Buddhas. Wer diese studiert, durchdenkt, vielleicht auch darüber meditiert, wird nach und nach erkennen, was Leid verursacht.
Körperlicher und seelischer Schmerz können sich nur im I. und II. Quadranten ereignen. Das Leiden hingegen, nämlich die geistige oder gedankliche Bindung oder „Anhaftung“ an das schmerzliche Geschehen, an die schmerzliche Erfahrung, kann sich nur um mentalen, dem III. Quadranten abspielen. So wird sich im 8. Haus das Leid „konkretisieren“, zum Beispiel aufgrund einer Idealvorstellung. Weicht ein reales Erleben stark von dieser Vorstellung ab, so wird das Leid am schmerzlichen Ereignis ebenfalls groß sein – vor allem dann, wenn man sich darauf fixiert, dass das Leben gefälligst schmerzfrei zu sein habe.
Im 9. Haus zeigt man sein Leid in seinem sozialen Umfeld, im 3. Haus würde man die körperlichen Auswirkungen zu sehen bekommen (etwa das gebrochene Bein in Form des Gipsverbandes). Allerdings lässt nur der Gipsverband keine Rückschlüsse darauf zu, wie stark der Träger tatsächlich an der Fraktur leidet. Im Kollegenkreis hingegen, bei den Nachbarn, bei Freunden, wird dies offenbart (Haus 9). Vielleicht humpelt man dann besonders stark oder gibt sich betont tapfer. Vielleicht zeigt jemand Gleichmut.
Schon seit einiger Zeit bewegt mich die Frage, weshalb nicht wenige Menschen sich schwer damit tun, seelischen Schmerz „loszulassen“. Schneidet sich jemand in den Finger, so wird er meist die Wunde versorgen, eventuell einige Tage lang leise vor sich hinfluchen, wenn er gegen die Wunde stößt und das alles spätestens dann vergessen, wenn die Wunde abgeheilt ist. Seelische Schmerzen hingegen werden nicht selten ständig wiedergekäut, bei manchen habe ich gar den Eindruck, als fänden sie eine Art Befriedigung daran, sich wieder und wieder an den Schmerz, die Verletzung zu erinnern und so etwas wie eine Geschichte daraus zu machen, die sie sich selbst und anderen wieder und wieder erzählen.
Eine mögliche Erklärung hierfür wäre die Beziehung der Quadranten zueinander. Körperlicher Schmerz ist im I. Quadranten anzusiedeln, dieser liegt in Opposition zum III. Quadranten. Seelischer Schmerz ist dem II. Quadranten zuzuordnen, dieser bildet eine Quadratbeziehung zum III. Quadranten. Oppositionelle Beziehungen sind in der Regel leichter „handhabbar“, da sie einander bedingen wie Tag und Nacht. Quadratbeziehungen stellen eine ständige Herausforderung dar. Markus Jehle beschrieb Quadrate sinngemäß so: „Es ist unmöglich, diese Eigenschaften/Bedürfnisse unter einen Hut zu bekommen, und es ist auch dann nicht möglich, wenn man ihnen jeden Tag einen neuen Hut kauft.“ Quadrate sind demnach wie „Motoren“ oder anders ausgedrückt, eine Quelle der Motivation. Bezogen auf den seelischen Schmerz und das daraus resultierende Leiden könnte man meinen, dass diese Erfahrung „gebraucht“ wird, um einen eigenen Weg aus dem Leiden heraus zu finden.
Soweit meine Hypothese. Zu überprüfen wäre, ob Menschen mit Betonungen des II. und III. Quadranten tatsächlich ein subjektiv hohes Maß an Leidenserfahrung “benötigen”, um sich entschließen zu können, das Anhaften am Schmerz aufzulösen.