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Das 12. Haus

Vor noch nicht allzu langer Zeit hätte ich vielen sattsam bekannten Beschreibungen des 12. Hauses wie Rückzug, geheime Feinde, Träume etc. zugestimmt. Mittlerweile meine ich, dass das 12. Haus gar nicht so geheimnisvoll und unwirklich ist. Es ist nur dann unwirklich, wenn man es von einem bestimmten Standpunkt aus betrachtet, mit einem bestimmten Bewusstsein, einer bestimmten Richtung der Aufmerksamkeit.

Das 12. Haus ist das Haus, durch das alle Planeten zuerst laufen, vom AC aus betrachtet. Das heißt für mich, dass das, was zunächst völlig instinktiv ist (Haus 1 bzw. AC), sich zu entwickeln, zu formen beginnt. Eine Entsprechung dieser Formung ist die Entwicklung im Mutterleib und in den ersten Monaten nach der Geburt. Dieser Zustand ist mehr oder weniger „paradiesisch“, ungetrennt, alles wird als Einheit begriffen, erlebt, gefühlt. Und zu diesem Zustand, in dieses Paradies möchte man zurück. Aus der Haltung des gewöhnlichen Bewusstseins heraus erscheint diese Allverbundenheit mystisch, schwer erreichbar, kaum erklärlich. Das „gewöhnliche Bewusstsein“ wird etwa von Richard Moss als das Bewusstsein des Ersten Wunders beschrieben. Dieses Bewusstsein ist ein Wunder, denn die Natur selbst hat in einem langen Prozess eine Lebensform geschaffen, die ein Bewusstsein ihrer selbst hat. Aus diesem Bewusstsein heraus geschieht zwangsläufig eine Trennung in Objekt und Subjekt: Ich hier und da die Anderen. Aus der Ichhaftigkeit heraus entsteht Leid, denn das Ich ist so fragil, dass es geschützt werden soll. Angst um dieses instabile Ich lässt unter anderem Abwehrmechanismen entstehen. Diese Schutzmechanismen verstärken das Empfinden des Getrenntseins, und so wird der paradiesische Zustand der vermeintlichen Leidfreiheit gesucht (12. Haus).

Das Bewusstsein des Zweiten Wunders empfindet sich nicht mehr als getrennt. Das Erste Wunder ist Voraussetzung dieses erneuten Wunders, und es ist Zeuge hierfür. Im Bewusstsein des Zweiten Wunders “wird man wie die Kinder”, erlebt sich ungetrennt vom Geschehen, vom Leben. Man ist also in diesen Zuständen, in denen das Ich mit dem Tun, mit dem Erleben verschmilzt, im „Paradies“, im 12. Haus. Und daran ist nichts Mystisches, Geheimnisvolles. Jede Tätigkeit ist geeignet, einen in diesen Zustand zu versetzen. Das kann ein Tanz sein, eine Abfahrt mit den Skiern, die Hingabe beim Malen eines Bildes. Es wird keine Trennung mehr empfunden, man ist völlig eins mit sich und seinem Tun.

Das Zweite Wunder ist im Grunde genommen nichts weiter als eine Verlagerung der Aufmerksamkeit. Wer aber meint, diese Zustände noch nie erlebt zu haben, in denen man völlig „verschmilzt“, dem scheinen diese Zustände kaum erreichbar und „unbeschreiblich“. Dabei ist es eine andere Form der Präsenz. Im 12. Haus sieht man die Dinge, wie sie sind (auf tibetisch heißt das „Chö“, im Sanskrit „Dharma“). Ungeschminkt, ungefiltert, ohne Urteile, ohne Konzepte. Es ist der volle Kontakt zu dem, was ist, zum Leben an sich.

Barack Obama fasziniert gekonnt die Massen und versteht es, die Menschen mit seinem Idealismus und seinen Visionen zu faszinieren. Jedoch ist es nicht nur das, es sind auch seine konkreten Handlungen, die völlig im Gegensatz zu seinem Vorgänger George W. Bush stehen und ihm das Image eines Verbesserers verschaffen (aktuell nehmen seine Popularitätswerte in den USA jedoch ab, was mich persönlich verwundert. Vielleicht haben sie entdeckt, dass auch er ein Mensch ist?)

Am 9. Oktober 2009 wurde nun verkündet, dass Obama den Friedensnobelpreis erhalten wird. Dessen Übergabe wird am 10. Dezember 2009 in Oslo stattfinden

Um dieses Ereignis astrologisch näher zu beleuchten, habe ich Obamas Radix mit der Transitdirektion des Jupiterbogens untersucht, der Herrscher des 10./11. Hauses ist und somit für seine Bedeutsamkeit und Position in der Gesellschaft zuständig ist. Überdies steht er noch in Haus 12, ist also für den ganzen IV. Quadranten zuständig

Ich möchte an diesem Punkt vorausschicken, dass ich eine korrigierte Geburtszeit verwende, nämlich 5 Minuten nach der offiziellen Angabe. Roland Gross (http://www.roland-gross.eu/), ein Astrokollege von mir, positionierte das MC auf 0° Schütze und ich halte das ebenfalls für richtig, und warum, das wird sich gleich zeigen:

Betrachtet man nun die Transitdirektion nach dem Jupiterbogen für den 10. Dezember 2009, so steht der dirigierte Neptun genau am MC. Somit ist die Korrektur von Roland Gross als richtig anzunehmen.

Der Jupiter selbst steht im Transit als Herrscher von Haus 10 (und 11) in Haus 1. Roscher schreibt dazu „Zur Bedeutsamkeit geboren“. Da es sich hier um einen Transit handelt, muss man das hier als Zeitphase deuten. Somit wird als schon mal nur durch die allgemeinen Transite das Thema angezeigt, gesellschaftlich aufzusteigen und bedeutsam zu werden.

Der T-Jupiter steht auch noch in Konjunktion mit T-Neptun, Jupiter/Neptun, die Idealisierungs- und Glorifizierungskonstellation schlechthin. Im Radix von Obama zeigt sich Jupiter/Neptun über den Radix-Neptun in 9, der ihn in der Öffentlichkeit mit seinen Visionen glänzen lässt.

T-Neptun (mit T-Jupiter) steht in Opposition zum Radix-Uranus, Uranus/Neptun. Uranus/Neptun hat Obama über die 19° Wassermann am AC (Uranus/Neptun-Grad), und Uranus/Neptun entspricht nach Roscher dem Zustand „Wunder werden wahr“. Die Menschen können in ihm nun wieder einmal den Weltverbesserer sehen.

Der dirigierte Neptun am MC sticht am deutlichsten heraus. Neptun am MC bedeutet, die Öffentlichkeit durch ungreibare Ausstrahlung in seinen Bann zu ziehen, in der Gesellschaft den Status eines Selbstlosen und Selbstaufopfernden zu erreichen und zu einer idealisierten Heiligenfigur zu werden, so wie es Lady Diana mit ihrem Neptun in 10 ja war. Was würde von der Analogie her besser zu einer Friedensnobelpreisverleihung passen, als ein Neptun genau am MC?

Schmerz und Leid im Quadrat

Die meisten Anfragen an jemanden, der sich astrologisch betätigt, sind aus einer Situation heraus gestellt, in der es dem oder der Fragenden nicht sonderlich gut geht. Nicht selten geht es um die Frage: „Wie lange noch?“ oder „Warum muss ich so leiden?“

Ich meine, es lohnt sich, zwischen Schmerz und Leid zu differenzieren. Schmerz – körperlich und seelisch – lässt sich nicht vermeiden. Was vermindert werden kann, ist das Leiden am Schmerz. Gerade um das Leiden und das Ende des Leidens geht es in den Vier Edlen Wahrheiten Buddhas. Wer diese studiert, durchdenkt, vielleicht auch darüber meditiert, wird nach und nach erkennen, was Leid verursacht.

Körperlicher und seelischer Schmerz können sich nur im I. und II. Quadranten ereignen. Das Leiden hingegen, nämlich die geistige oder gedankliche Bindung oder „Anhaftung“ an das schmerzliche Geschehen, an die schmerzliche Erfahrung, kann sich nur um mentalen, dem III. Quadranten abspielen. So wird sich im 8. Haus das Leid „konkretisieren“, zum Beispiel aufgrund einer Idealvorstellung. Weicht ein reales Erleben stark von dieser Vorstellung ab, so wird das Leid am schmerzlichen Ereignis ebenfalls groß sein – vor allem dann, wenn man sich darauf fixiert, dass das Leben gefälligst schmerzfrei zu sein habe.

Im 9. Haus zeigt man sein Leid in seinem sozialen Umfeld, im 3. Haus würde man die körperlichen Auswirkungen zu sehen bekommen (etwa das gebrochene Bein in Form des Gipsverbandes). Allerdings lässt nur der Gipsverband keine Rückschlüsse darauf zu, wie stark der Träger tatsächlich an der Fraktur leidet. Im Kollegenkreis hingegen, bei den Nachbarn, bei Freunden, wird dies offenbart (Haus 9). Vielleicht humpelt man dann besonders stark oder gibt sich betont tapfer. Vielleicht zeigt jemand Gleichmut.

Schon seit einiger Zeit bewegt mich die Frage, weshalb nicht wenige Menschen sich schwer damit tun, seelischen Schmerz „loszulassen“. Schneidet sich jemand in den Finger, so wird er meist die Wunde versorgen, eventuell einige Tage lang leise vor sich hinfluchen, wenn er gegen die Wunde stößt und das alles spätestens dann vergessen, wenn die Wunde abgeheilt ist. Seelische Schmerzen hingegen werden nicht selten ständig wiedergekäut, bei manchen habe ich gar den Eindruck, als fänden sie eine Art Befriedigung daran, sich wieder und wieder an den Schmerz, die Verletzung zu erinnern und so etwas wie eine Geschichte daraus zu machen, die sie sich selbst und anderen wieder und wieder erzählen.

Eine mögliche Erklärung hierfür wäre die Beziehung der Quadranten zueinander. Körperlicher Schmerz ist im I. Quadranten anzusiedeln, dieser liegt in Opposition zum III. Quadranten. Seelischer Schmerz ist dem II. Quadranten zuzuordnen, dieser bildet eine Quadratbeziehung zum III. Quadranten. Oppositionelle Beziehungen sind in der Regel leichter „handhabbar“, da sie einander bedingen wie Tag und Nacht. Quadratbeziehungen stellen eine ständige Herausforderung dar. Markus Jehle beschrieb Quadrate sinngemäß so: „Es ist unmöglich, diese Eigenschaften/Bedürfnisse unter einen Hut zu bekommen, und es ist auch dann nicht möglich, wenn man ihnen jeden Tag einen neuen Hut kauft.“ Quadrate sind demnach wie „Motoren“ oder anders ausgedrückt, eine Quelle der Motivation. Bezogen auf den seelischen Schmerz und das daraus resultierende Leiden könnte man meinen, dass diese Erfahrung „gebraucht“ wird, um einen eigenen Weg aus dem Leiden heraus zu finden.

Soweit meine Hypothese. Zu überprüfen wäre, ob Menschen mit Betonungen des II. und III. Quadranten tatsächlich ein subjektiv hohes Maß an Leidenserfahrung “benötigen”, um sich entschließen zu können, das Anhaften am Schmerz aufzulösen.

Moral im Tierkreis

Moralisches Handeln beinhaltet ein Verhalten, welches den Normen und Vorstellungen von “Richtig” und “Falsch” jener Gruppe/Schicht entspricht, der man angehört. Z.B. entspricht es unserer Moral, nicht zu töten und andere zu achten, gemäß unserer christlichen Vorstellung von Gut und Böse, die in unserer Gesellschaft verankert ist.

Die Moral kann aber nur entstehen, wenn wir mit anderen Menschen zu tun haben. Ohne Kontakt mit andere Menschen wären wir Wesen ohne Moral, würden uns nur um uns selbst kümmern. Wir würden nur unseren Trieb kennen und keine Rücksicht, keine Werte und keine Bindungen.

In Verbindung mit dem Tierkreis gesehen entspräche das dem Zeichen Widder, der reine Instinkt. Der Widder an sich handelt nicht schlecht oder “böse”, wenn er sich nur um die Befriedigung seiner instinktiven Bedürfnisse kümmert, es ist seine (unsere) Natur. Moralisch gesehen handelt er aber “falsch”, gemäß unserer Kultur.

Hier der Tierkreis und die Zeichenverbindungen in Bezug zur Moral:

Das Tierkreiszeichen Widder habe ich schon beschrieben, es entspricht dem eigenen Trieb und der eigenen Ursprünglichkeit.

Durch das Zeichen Waage wird der Widder jedoch ergänzt, er wird dazu herausgefordert, über sich selbst zu reflektieren und nachzudenken. Die Spannung Widder/Waage wird von der Begegnung zweier Welten erzeugt, die sich in ihrem scheinbaren Widerspruch ergänzen und doch zwei Seiten der gleichen Geschichte darstellen. Wenn wir auf einer einsamen Insel als einzige Person aufwachsen, und plötzlich kommt eine zweite Person dazu, werden wir zum Denken angeregt, wir entwickeln Bewusstein.

Aus dem Wechselspiel Widder/Waage ergeben sich neue Gedanken, man geht eine Verpflichtung ein. Der nächste Schritt enstpricht dann der Achse Stier/Skorpion, welche die Potentiale und Energien der Widder/Waage-Achse verdichtet und konkretisiert. Hier kommt es zu der Bildung einer Moral, einem Verhaltenskodex, dem sich alle zu fügen haben.

Der Übergang von Widder zu Stier entspricht einer Gruppenbildung, die jedoch reine Selbsterhaltung und Sicherheit als Motivation hat. Es existieren noch keine Vorstellungen über Moral, das Zusammenleben hat reinen Erhaltungscharakter. Das Halbsextil zwischen Widder und Stier zeigt schon, dass diese beiden schwer miteinander können, aber der Stier den Widder absichert.

Durch die bereits erwähnte Auseinandersetzung  mit dem Gegenüber bei der Achse Widder/Waage kommt es nun zu gemeinsamen Übereinkünften, es bilden sich Gruppen von Menschen, die einen gemeinsamen Verhaltenskodex entwerfen. Es bildet sich durch die gegenseitig Bindung ein Verhaltenskodex heraus, angezeigt durch das Zeichen Skorpion, welches dem Zeichen Waage (Begegnung) folgt. Der Skorpion gibt nun das “richtig” und “falsch” vor, er bildet das Gegenzeichen zum Stier, da der Skorpion geistige Werte impliziert, der Stier jedoch nur materielle und nur auf eine stabile Basis aus ist. Deswegen ist Stier/Skorpion auch die Werteachse. Und da der Skorpion das 7.Zeichen vom Stier aus ist, zeigt er eben die Gedanken der Gruppe, der man angehört.

Wie man sehen kann, bilden Widder und Skorpion ein Quincunx zueinander, die Werte und Vorstellungen, die sich beim Skorpion durch die Begegnung (Waage) herausgebildet haben, laufen dem Instinkt und dem reinen Trieb zuwieder, sind unvereinbar. Der Widder möchte z.B. gerade Fleisch essen, jedoch verbietet es ihm die Moral (Skorpion), da gerade Aschermittwoch ist.

Das Quincunx Waage/Stier lässt sich so erklären: Die Begegnung (Waage) läuft unserer Sippe zuwider (Stier), da sie ein Spiegel unserer individuellen Eigenart ist, die sich dort jedoch (wie bereits erwähnt) an Regeln zu halten hat. Also wenn ich in einem Dorf großgeworden bin, und dort bei Bauern aufwachse, und dann jemanden aus der Stadt begegne, auf den ich anspringe, dann ergeben sich zwischen dem aus der Stadt (Waage, Spiegel des Widders) und der eigenen Sippe (Stier) evt. Spannungen.

Die Werteachse Stier/Skorpion steht wiederrum im Trigon bzw. im Sextil zum Zeichen Steinbock, welches für unser Über-Ich und für unsere Normen und Gebote zuständig ist, und dafür, wie wir uns in einer (bzw. der) Gesellschaft und in der Öffentlichkeit zu verhalten haben. Eine Gesellschaftsschicht (Steinbock) besteht ja aus mehreren kleineren Gruppen, die ihre Wertvorstellungen haben (Stier/Skorpion). Wenn es heißt “Andere bestiehlt man nicht”, ist das eine Norm gemäß dem Zeichen Steinbock. Das Sextil zum Skorpion weiß darauf hin, dass wir auch moralisch richtig handeln, wenn wir uns dieser Norm fügen. Ein an die Normen und Gebote der Gesellschaft ausgerichtetes Verhalten (Steinbock) fördert auch die Gruppenzugehörigkeit (Trigon zu Stier).

Die Grammatik des Horoskops

Dem Anfänger fällt es oft schwer, sich im Wald des Horoskops zurechtzufinden. Da wird von einem Haus 1/Mars/Widder - Prinzip gesprochen und so getan, als könnte man diese drei Begriffe unter einen Hut bringen, weil sie sowieso das gleiche Thema ansprechen. Zum Suchen und Finden von Konstellationen mag das hilfreich sein, für die konkrete Deutung stellt es aber eher eine zusätzliche Hürde dar. Dann tauchen Fragen auf wie “Ist Venus in 1 dasselbe wie eine Venus im Widder?” od. “Wenn es um meine Art mich zu verständigen geht, nehme ich dann das 3.Haus oder den Merkur?”.

Diese Fragen habe ich mir auch oft gestellt, doch durch die Praxis bin ich zu einer Antwort gekommen:

Man nehme einfach an, die Tierkreiszeichen stellen Modalitäten dar, so wie die Adjektive. Die Adjektive können einen Sachinhalt nur näher beschreiben (Haus im Zeichen), sie können ihm Attribute geben. Oder im Sinne eines Adverbs können sie einen Vorgang näher beschreiben (Planet im Zeichen).

Die Häuser sind für die Sachinhalte zuständig, sie zeigen an, um was es überhaupt geht. Sie weisen eine Parallele zu den Nomen auf, die immer den Inhalt eines Satzes angeben, um den es geht.

Die Planeten schließlich sind die Verben, sie sorgen für die Emotionen und Gefühle, die wir beim ausagieren einer bestimmten Energie erleben. Sie bringen alles in Bewegung und versorgen uns mit Gefühlen, Eindrücken und Vorstellungen.

Um jetzt beim Beispiel zu bleiben: Der Unterschied zwischen einer Venus im Widder und einer Venus in 1 ist der, dass die Venus im Widder nur allgemein aussagt, dass die Art und Weise der Hingabe stürmischer und instinktiver Natur ist. Die Fähigkeit, etwas zu lieben oder anziehend zu finden ist mit den Attributen Entflammbarkeit, Kraft und schnelles Zulangen behaftet, man fackelt nicht lange, um sich zu holen, was man begehrt. Währenddessen kümmert sich die Venus in 1 um ihr eigenes Wohlergehen, sie gibt sich den eigenen (Trieb-)Bedürfnissen hin, wie z.B. Essen oder die Durchsetzung eigener Antriebe. Wie sie das anstellt, verrät und wiederrum die Zeichenposition.

Michael Roscher sagte, dass z.B. die Venus nicht unbedingt für die Liebe im zwischenmenschlichen Sinne verantwortlich sein muss, wenn sie nicht Herrscher von 7 ist. Wäre sie z.B. Herrscher von 3 in 9, dann wäre die Radix-Venus nur für die Liebe und Anziehung zum Ausland, zu weiten Reisen oder Bildung zuständig, nicht jedoch für eine Beziehung zu einem anderen Menschen.

Dieser Aussage möchte ich jedoch entgegenhalten, dass man die aktive Fähigkeit zu Lieben und etwas anziehend zu finden nur über den Planeten Venus erfahren kann. Es stimmt zwar schon, dass ich die Partnerschaftsthemen eines Menschen hauptsächlich über das 7.Haus und dessen Konstellationen abdecken kann, jedoch gibt mir das 7.Haus nur eine Sachinformation über meine Partnerschaftsthemen. Das dortige Zeichen und der Herrscherplanet sagen mir dann noch, wie ich anderen begegne und was sich aktiv abspielt, jedoch erfahre ich dort nichts über meine aktive Fähigkeit, Liebe und Ästhetik zu empfinden. Denn bestimmte Gefühle empfinden können wir nur über die Planeten und ihre Energien.

Wenn jetzt die Venus in 3 stünde, wäre so jemand z.B. an Selbstdarstellung und Kommunikation interessiert, er möchte sich gerne ästhetisch kleiden und einen ergänzenden verbalen Umgang pflegen. Vielleicht ließt er auch gerne und liebt Wortspiele. Jedenfalls kann er die Fähigkeit zu Lieben über das 3.Haus entdecken, und diese Fähigkeit zu Lieben braucht es in einer jeden Liebesbeziehung. Dieser Mensch würde vielleicht über seine 3.Haus-Anlagen lernen, jemand anderen zu Lieben und sich ihm hinzugeben, und erfahren kann er das über Schrift und Wort (Haus 3). Also z.B. über Flirts, Liebesbriefe usw.

So, nun genug Grammatik für heute :)

 

In einem Vortrag, der auf seinem Buch “Wie wirklich ist die Wirklichkeit” beruht, bringt Paul Watzlawick etliche Beispiele dafür, wie Menschen und höhere Tiere ihre Wirklichkeit “konstruieren”, um sich nicht in Sinnlosigkeit und der daraus resultierenden Verwirrung zu verlieren. Das heißt, sie setzen etwas zueinander in Beziehung, was nicht zwangsläufig einen Bezug zueinander haben muss! Als ein Beispiel für diese “Konstruktionen” berichtet Watzlawick von einem Dobermann, der eine Leidenschaft für Milch entwickelte.

Der Halter des Dobermanns ließ den Hund, der die Nacht im Haus verbrachte, jeden Morgen in den Garten laufen, damit er dort sein “Geschäft” verrichten könne. Jeden Morgen füllte der Halter in der Zwischenzeit den Napf mit Milch. Wenn der Hund dann ins Haus zurückkehrte, lief er zu seinem Napf und trank mit Begeisterung seine Milch. Eines Morgens war keine Milch mehr da. Der Hund lief wie gewohnt zu seinem Napf, stutzte. Dann lief er wieder in den Garten, presste aus Leibeskräften drei Tropfen aus seiner leeren Blase und lief wieder ins Haus und zu seinem Napf. Nur, es war trotzdem keine Milch da.

Watzlawick schließt daraus, dass sich die Wirklichkeit, die nicht ungefiltert wahrgenommen werden kann, dann zeigt, wenn die Konstruktionen der Wirklichkeit zusammenbrechen, nicht mehr gültig sind. Die gültige Wirklichkeit des Hundes war: “Wenn ich in den Garten laufe, mein Geschäft verrichte und dann ins Haus zurückkehre, dann ist Milch in meinem Napf”. Er realisiert nicht, dass es keinen zwingenden Zusammenhang zwischen seinem Gartengang und dem Vorhandensein von Milch in seinem Napf gibt. Und so wiederholt er sein Verhalten, um an die Milch zu kommen. Außenstehenden ist bewusst, dass auch ein fünfter und sechster Gang in den Garten keine Milch in den Napf zaubern wird. Dem völlig verwirrtem Hund jedoch nicht.

Das heißt, der Hund unterliegt – wie die meisten Menschen, einem Trugschluss. Denn die wahrgenommene, konstruierte Wirklichkeit wird für die wirkliche Wirklichkeit, also für wirklich/wahr/real existierend gehalten. Ordnungen werden konstruiert, um Bezugspunkte zu haben, um an Erfahrungen anknüpfen zu können.

Von der wirklichen Wirklichkeit wissen wir nur, was sie nicht ist. So lange unsere Konstruktionen passen, ist das Leben relativ unproblematisch und erträglich. Stürzen die Konstruktionen ein, sind Kummer, Schmerz, Verwirrung die Folge. Dies wird schon in den Upanishaden beschrieben als die Wurzel menschlichen Leides: Es entsteht, wenn sich die wirkliche Wirklichkeit von unserem Bild der Wirklichkeit unterscheidet.

Wenn wir bisher erfahren haben, dass ein Gespräch etwas klären kann, dann werden wir alles daran setzen, ein Gespräch zu führen, um Meinungsverschiedenheiten oder anderes aus dem Weg zu räumen. Wir werden fassungslos und vielleicht auch wütend und ohnmächtig feststellen, dass uns das nicht mit jedem Menschen gelingt. Dennoch verhalten wir uns wie der Dobermann. Wieder und wieder suchen wir das Gespräch, scheitern wieder und wieder und werden immer unglücklicher, sind immer verstimmter, fühlen uns unverstanden und verlassen, schlecht behandelt oder missachtet. Nur selten kommen wir auf die Idee, dass ein Gespräch nicht zwingend eine Klärung herbeiführt. Aus der Erfahrung, dass es oft funktioniert, machen wir innerlich ein immer.

Oder wir haben gelernt, dass es zu einer richtigen Beziehung gehört, zu heiraten. Wir setzen alles daran, dass sich dieser Wunsch erfüllt, weil wir hoffen, dass sich dann unser Zustand verändert und wir verheiratet sehr glücklich sein werden. Die Heirat findet statt und nicht viel später setzt die Ernüchterung ein. Unser Zustand hat sich nicht deutlich spürbar verändert, wir sind nicht glücklicher.

Oder wir streben lange Jahre auf ein berufliches Ziel zu, nehmen viele Anstrengungen in Kauf, sagen uns: “Wenn ich diese Position erreicht habe, dann…”. Unsere Mitmenschen bestärken uns, indem sie bewundern, welche Mühen wir auf uns nehmen, um unser Ziel zu erreichen, sie sprechen uns Mut zu, schenken uns ihre Aufmerksamkeit. Dann sind wir endlich am Ziel, haben die neue Position. Nur – die ist nicht so, wie wir uns das ausmalten. Zwar sind wir nun weisungsbefugt, dürfen Anordnungen erteilen, aber den Grad an Entscheidungsspielraum, den wir uns vorstellten, haben wir nicht. Wir sind auch nicht zufriedener. Womöglich sind wir unzufriedener und unglücklicher als zuvor, denn wir fühlen uns um den Lohn unserer Anstrengungen und Bemühungen betrogen.

Was ist geschehen? Wir sind auf unsere Konstruktion “Wer sich anstrengt und ein Ziel erreicht, wird danach immer zufrieden sein” hereingefallen. Und wir verneinen, dass wir die Architekten unserer Wirklichkeit und damit unseres Lebens sind.

Hieraus könnte man ableiten, dass auch Astrologie eine Form der vielen möglichen Konstruktionen ist, mit deren Hilfe wir die Wirklichkeit wahrnehmen (und ich persönlich meine, das es auch so ist). Eine Methode, die genau dies berücksichtigt, ist die Transpersonale Astrologie. In der Deutungshierarchie des „Kybernetischen Modells“ stehen die Faktoren Mond, Merkur und Sonne an erster Stelle und innerhalb dieses „Ersten Regelkreises“ ist es der Mond als der primäre Wahrnehmungsfilter, der zuerst gedeutet wird. Seine Zeichen- und Hausposition, auch als Häuserherrscher, beschreibt, was aus dem Spektrum des Wahrnehmbaren als Wirklichkeit herausgefiltert wird. (Das ist vermutlich auch gut so, denn sonst würde „mensch“ ob der Fülle der möglichen Wahrnehmungen von Eindrücken völlig überflutet werden.) Der Mond wiederum hat eine Art natürliche Verwandtschaft zum IC und dem 4. Haus, also den Bereichen des Horoskops, die die seelische Eigenart in symbolischer Form beschreiben sowie zum Tierkreiszeichen Krebs. Die Spitze des Hauses, welches in dieses Tierkreiszeichen fällt, beschreibt also den Auftrag, den der Mond in dem Haus ausführt, in dem er im Horoskop steht.

Es kann nützlich sein, sich dies für sich selbst anzuschauen und zu prüfen, wie die eigene Wahrnehmung beschaffen ist. Aber Vorsicht: Auch dies ist nur eine weitere Konstruktion. ^^

Basis dieses Artikels ist: Wie wirklich ist die Wirklichkeit, Ausstrahlung des Deutschlandradios (Radio Kultur) eines Anfang der 90er von Paul Watzlawick gehaltenen Vortrags.

Wie wirklich ist die Wirklichkeit – Das wir die Welt nicht einfach vorfinden, sondern unsere Welten erfinden, ist einer der Grundgedanken des radikalen Konstruktivismus. Watzlawick, Philosoph und Psychotherapeut, bringt uns diese Sichtweise in seinem Vortrag auf wirklich unterhaltsame Weise näher.

Wieder einmal ist Merkur rückläufig und während die einen schon darunter leiden, dass keine Email ihren Empfänger findet und die Post verloren geht, lehnen sich andere gemütlich zurück und behaupten, von all dem nichts mitzukriegen.

Natürlich kann nicht die ganze Welt stillstehen, wenn Merkur rückäufig ist. Ganz im Gegenteil, man kann alte Sachen, die unüberlegt oder schlecht organisiert waren, noch einmal überdenken und neu planen.

So auch das Jackson – Tribute Konzert, welches am 26. September in Wien vor dem Schloss Schönbrunn stattfinden hätte sollen. Es wurde nämlich abgesagt, da keine großen Megastars wie U2 oder Madonna auftraten und von den übrigen Künstlern keiner Zeit hatte.

Als Astrologe wundert man sich nicht, da wir ja wissen, dass Merkur von 7. – 30. September rückläufig ist. Dass es Probleme mit der Organisation gibt, hätten wir also zumindest andeutungsweise vorraussagen können. Aber dass gleich das ganze Konzert abgesagt wird? Dazu braucht es mehr als einen rückläufigen Merkur, nämlich einen, der auch einen Aspekt in das Radix des Konzertes wirft.

Das Konzert ist am 26. September geplant, die genaue Uhrzeit weiß ich nicht, daher lege ich die Sonne wieder auf das MC.

Hier nun das Radix vom Konzert und im Außenkreis des aktuelle Merkur-Transit:

 

Wie man sehen kann, befindet sich der aktuelle rückläufige Merkur genau in Konjunktion zur Sonne des 26. September. Merkur ist Herrscher von 7, es kommen also zu wenig Stars, keine großen Namen, Herrscher von 7 in 9.

Hätte der Merkur keinen Aspekt in das Radix geworfen, wäre das ganze nicht so katastrophal verlaufen.

Astrologie – doch Blödsinn?

Als Astrologe versucht man ja hin und wieder, eine Prognose zu machen. Meistens tendieren wir u.a. aber dazu, es nicht zu sehen, wenn wir offensichtlich etwas falsch machen. Dann haben wir vielleicht das falsche Horoskop genommen, die falschen Daten usw. Doch auf die Idee, dass Astrologie vielleicht doch nur Blödsinn ist und wir unseren eigenen (Wunsch-)Vostellungen einer übergeordneten “Kraft” unterliegen, die lassen wir natürlich nicht aufkommen. Wir wissen ja, das Astrologie funktioniert – oder?

Einmal ein Beispiel aus dem Alltag:

Eine sehr bekannte Kaberettistin will noch dieses Jahr in meiner Stadt auftreten. Ich liebe ihre Sketsche und Beispiele aus dem Alltag. Sie sind direkt dem Leben entnommen und nicht gekünstelt oder krampfhaft lustig. Sie sagt, was wir alles denken. Natürlich wollte ich mir Karten besorgen doch siehe da: Restlos ausverkauft!

Jetzt war ich natürlich enttäuscht. Doch ich dachte mir, vielleicht werden noch Karten frei, da jemand unerwartet doch nicht kommen kann. Kartenkontingente verändern sich meistens nämlich noch ein paar Mal vor dem Event. Ich hatte also vor, mich in einer Warteliste einzutragen für Karten, die evt. doch noch frei werden.

Und was macht man als Astrologe? Richtig, man schaut, ob das ganze etwas wird. Doch welches Horoskop verwenden? Das Horoskop des Auftrittes? Doch was nützt mir eine günstige Verbindung zwischen dem Horoskop des Auftrittes und meinem Radix, wenn ich evt. gar keine Karten kriege? Dann kann ich maximal durch das Klofenster auf der Rückseite des Hauses vielleicht etwas mitkriegen ^^

Am einfachsten und logischten erschien mir, das Radix der Kabarettistin zu nehmen und es in Verbindung mit meinem zu setzen und auf günstige Auslösungen am Tag des Auftrittes zu schaun. Denn wenn die Verbindung zwischen mir und ihr an diesem Tag auf “Begegnung” steht, dann muss ich ja vorher zu Karten gekommen sein, oder nicht?

Doch jetzt stellt sich folgende Frage: Welche Technik? Synastrie, Composit, Combine, Viertelcombine…? Die Synastrie erschien mir zu aufwendig, mit den vielen Interaspekten + Transite, nee. Das Composit halte ich aus anderen Gründen für eine Mogelpackung. Das Combine wäre hier u.U. eine gute Wahl, doch am ehesten wäre hier das Viertelcombine zu nehmen.

Das Viertelcombine ist ein Combine zwischen einem der beiden beteiligten Radices und deren Combine. Wenn ich jetzt ein Combine zwischen “A” und dem Combine “A/B” mache, dann kriege ich das Viertelcombine von “A”. Das 7.Haus von dem Viertelcombine “A” + “A/B” sagt nun aus, was der “A” von “B” innerhalb der Bindung kriegt und was auf ihn zukommt.

Also hier nun das Viertelcombine von mir auf Basis der Verbindung zwischen mir und der Kabarettistin (da ihre Geburtszeit nicht bekannt ist, habe ich als Hilfshoroskop ihr Radix-MC auf ihre Radix-Sonne gelegt) und im Außenkreis das Tageshoroskop von dem Tag, an dem ich sie live sehen würde:

Wie man an den Auslösungen gut sehen kann, steht eine Begegnung durchaus im Raum. Am MC vom Tageshoroskop steht Jupiter/Neptun, was schon mal ein Indiz ist. Jupiter ist Herrscher von 7, die Kabarettistin und das MC ist die Öffentlichkeit. Herrscher von 7 in 10 entspricht aber auch dem Bedeutsamen Partner, der Partner, der berühmt ist. Dazu der Neptun, der das ganze zu einem Traum macht. Jupiter/Neptun ist ja eine Konstellation, die voll von Träumen, Visionen und Fantasie ist. Ich weiß, wie ich mich fühlen würde, wenn ich sie tatsächlich live sehen würde: Wie in einem Traum, fast unwirklich.

Am DC steht der Neumond, eine sehr starke Begegnungsauslösung. Er steht auch im Quadrat zur Sonne meines Viertelcombines, die Herrscherin von 7, also die Kabarettistin. Und das Quadrat ist ein starker Geburtsaspekt, also sieht doch alles vielversprechend aus? Wer würde dem widersprechen?

So, frischen Mutes und Optimismus, gestärkt durch die Aussagekraft der Sterne, schrieb ich eine Mail an das Kartenbüro, um mich für die Warteliste eintragen zu lassen.

Das war die Antwort:

Sehr geehrter Herr ***!
Vielen Dank für Ihre Anfrage in unserem Kartenbüro.
Leider ist die Vorstellung von *** bereits restlos ausverkauft.
Da ein Kartenumtausch sowie eine Retourgabe ausgeschlossen ist, führen wir auch keine Warteliste.
Wir bitten um Ihr Verständnis!
 
Wer wäre jetzt nicht enttäuscht? Doch meine Enttäuschung über die restlos ausverkauften Karten war mindestens genauso groß wie die, dass ich mich auf die Sterne nicht verlassen konnte.
 
Was habe ich falsch gemacht? Das falsche Horoskop als Grundlage, vielleicht hätte ich doch das Horoskop des Auftrittes nehmen sollen? Aber das erschien mir wegen der bereits angeführten Argumente als falsch.
Der astrologieinteressierte Leser möge vielleicht einwenden “Na ist doch klar, setze die Sonne von ihrem Radix doch auf den AC, nicht auf das MC!”.
Es heißt jedoch: Die Sonne bringt es an den Tag. Und das macht sie nirgends so deutlich wie am MC, an ihrem Kulminationspunkt. Außerdem ist es durchaus eine solide Technik, wenn man keine Geburtszeit hat.
 
Vielleicht lassen sich doch noch Karten auftreiben, mein Vater meinte, er kenne da ein paar Leute. *gg* Na mal sehen. Vielleicht erlebe ich ja doch noch eine Verwirklichung meines Wunsches allà Jupiter/Neptun.
 
Heute ist nicht alle Tage, und man soll den Tag nie vor dem Abend loben – oder? Ein Spruch, den man sich in der Astrologie zu Herzen nehmen sollte.
Oder ist zum Schluss die Astrologie insgesamt doch eine Mogelpackung, ein riesen Betrug?
 
In diesem Sinne…

Herz brennt

Was kann man tun, wenn das Herz brennt,
wenn die Flamme jede Hoffnung aus der Seele frisst?
Was kann man tun, wenn das Herz brennt,
wenn außer Asche von der Liebe nichts mehr übrig ist?
Man kann nichts tun…

Quelle: Die Toten Hosen

Hm, ist das wirklich so? Kann man wirklich nichts tun? Ja und Nein.

Der erste Schritt des Tuns ist das Nichttun. Und zwar in dem Sinne, nicht zu versuchen, die Trauer, den Schmerz, den Groll und was da alles noch in einem tobt, wegmachen zu wollen. Also nicht unterdrücken, nicht wegdrücken, sondern fühlen.

Dieses Dalassen, dieses Fühlen scheint einem zunächst unerträglich, was der Grund ist, zu versuchen, diesen Zustand zu vertreiben, zu ignorieren, zu verdrängen, wegzureden, mit Aktivitäten jeder Art regelrecht zu erschlagen. Lässt man sich aber tatsächlich darauf ein, so wird man feststellen, dass der Zustand nicht unendlich und nicht von unbegrenzter Dauer ist. Vielleicht erträgt man ihn fünf bis zehn Minuten und stellt fest, dass er sich schon innerhalb dieser kurzen Zeitspanne verändert. Vielleicht verändert er sich auch erst nach einer Stunde oder später – aber das gibt Anlass zur Hoffnung und vielleicht entstehen daraus einige Erkenntnisse:

  • Kein Zustand dauert ewig.
  • Man kann diesen Zustand aushalten.
  • Der Zustand verändert sich auch ohne aktives Zutun.

Versucht man hingegen, den Zustand, die Gefühle und Empfindungen wegzudrücken, so wird man auch nach dem hundertsten oder tausendstem Versuch feststellen, dass er einfach nicht gehen will – was die Bemühungen, dies alles loswerden zu wollen, verstärkt. Es entsteht ein Teufelskreis, in dem man sich dreht wie der Hamster im Laufrad – wobei der Hamster klug genug ist zu lernen, wie er das Laufrad verlassen kann. Nur mensch in seiner Panik, seiner Angst, seiner inneren Lähmung kommt nicht auf die Idee, das mehr Desselben nicht zwangsläufig Besserung oder ein Ende des Kreislaufes zur Folge hat.

Es lohnt sich, dies tatsächlich auszuprobieren. Vielleicht nicht mit den großen Geschichten, die einen völlig aus der Fassung bringen, sondern zunächst mit kleineren Anlässen, die aber fühlbar Unbehagen, Groll, Ärger oder Ähnliches hervorrufen. Ich habe mich dann still auf meinen Küchenstuhl gesetzt und gewartet, was passiert, mich dabei beobachtet, so weit mir das möglich war.

Bei Anlässen, die mich stärker aus der Bahn warfen, bin ich die Treppe heruntergelaufen, vor der Tür stehen geblieben und habe so lange im Freien geraucht bis ich merkte, dass ich ruhiger wurde, sich etwas in mir, in meinem Empfinden veränderte. Die Zigaretten waren dabei eine „Einschätzungshilfe“ der Zeit, die ich brauchte, um wieder zu mir zu kommen. Zuerst waren es meist einige Zigaretten. Einige Wochen später nur noch ein bis zwei. Heute komme ich häufig ohne einen Glimmstängel aus. Meist reicht es völlig, mich hinzusetzen und mich mir selbst zuzuwenden, mich selbst zu beruhigen, mir gut zuzureden und mir dann auch selbst Erklärungen zu geben, warum XYZ mir dieses oder jenes an den Kopf warf und ich darauf derart fassungslos reagiere.

Auf diese Weise habe ich mich „abgehärtet“, kann sehr viel besser unterscheiden, ob ich tatsächlich wegen eines anderen Menschen leide oder ob es nicht doch eher meine Reaktion auf dessen Verhalten ist, die mich leiden lässt. (Fast immer handelt es sich um Letzteres.)

Der Witz an der Sache ist, dass ich kaum noch in Situationen gerate, in denen mein „Herz brennt“ und ich das Bedürfnis verspüre, jemand anderen zu verletzen. Groll, Wut, Ohnmachtsgefühle – all das, was mich über Jahre quälte und in meinem Handeln leitete – ist weg. Man kann etwas tun, auch wenn es nicht wie Tun aussieht. Hier haben die Toten Hosen leicht geirrt. ^^

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